Sat 18.02.2017

Besuch bei Pirelli in Sizilien



Vom 12.02.- 16.02.2017 durften wir bei Pirelli auf Sizilien zu Gast sein.
Pirelli, Sizilien ???

Bereits über 30 Jahre unterhält Pirelli in Sizilien eine Testabteilung, die sich ausschliesslich um die Entwicklung von Zweiradreifen kümmert.
Über die Jahre ist dort ein Testcenter entstanden, in dem aktuell mehr als 30 Mitarbeiter Zweiradreifen testen und weiter entwickeln, sowie die notwendigen Homologationen fahren.

Mopedreifen durfte als erster Händler hinter die Kulissen schauen und man gewährte uns auch Einblicke in die Zukunft der Reifen- und Motorradmodelle.

Der Reihe nach.

Bei unseren letzten Tests 2016 lernten wir den Leiter dieser Test-und Entwicklungsabteilung, Herrn Salvatore Pennisi kennen. Er verfolgte die Tests von Mopedreifen.de schon länger und bat, unsere Testaufzeichnungen (selbstredend nur von seinen Produkten) einsehen zu dürfen.
Kurze Zeit später rief er bei uns an : "Jens, never thought, that a dealer will be able to make so detailed testings. I must confirm you, that nealy 95% of your rating is simular than ours, compliment. Please lets stay in contact."
Das Eis war gebrochen.

Am ersten Tag auf Sizilien durften wir an der Präsentation der neuen KTM-Adventure-Modelle 1090 und 1290 S teilnehmen und diese neuen Modelle ausführlich testen.
Die grosse Adventure 1290 S wird zukünftig ab Werk mit dem Scorpion Trail 2 in der Sonderkennung K (KTM) ausgeliefert. Zum Scorpion Trail 2 muss an dieser Stelle nicht viel gesagt werden, der Reifen konnte bei diversen Tests bereits überzeugen und besitzt bei den Fahrern von Grossenduros bereits eine grosse Anhängerschaft.

Für die schnelle 1290 S wurde der Reifen speziell in Sachen Stabilität etwas überarbeitet, was sich aber keinesfalls auf das sehr gute Handling negativ auswirkt.
Wichtig an dieser Stelle zu erwähnen:

120/70ZR19 60W - 170/60ZR17 72W in Kennung K nur KTM Adventure-Modelle.

120/70R19 60V - 170/60R17 72V ohne Kennung in Zukunft BMW R1200GS und Grossenduros

120/70ZR19 60W - 170/60ZR17 72W ohne Kennung für BMW R1200GS und andere läuft aus und wird durch die Reifen mit 60V bzw. 72V ersetzt.

Der Grund dafür ist einfach. Pirelli will vermeiden, dass KTM  Adventure-Fahrer die Reifenkombination im Speedindex W, ohne Kennung K, versehentlich auf ihr Motorrad verbauen.
Für die GS-Gemeinde ändert sich ausser dem eingeprägten Speedindex V statt W nichts, der neue V-Reifen ist der gleiche wie der alte W-Reifen. (Freigaben im Shop alle bereits online).

Nun zur schlechten Nachricht für die GS-Fangemeinde:

"Die Mär, nem GSler kommt in den Bergen keiner hinterher, gilt ab 2017 nimmer mehr!

In Vorbereitung auf Sizilien habe wir uns natürlich auch über die neue 1290 Adventure informiert.
Zugegeben, beim Anblick des Mopeds auf der Homepage von KTM (Seitenansicht) erinnerte mich das Bike an die "wunderschöne" 2012er Kawa 1000 Versys...was für ein hässlicher Koffer, fuhr es mir durch den Kopf.

KTM..ändert diese Ansicht auf der Homepage..10% seitlich versetzt reichen aus!!

In Natura, und vor allen Dingen aus einem seitlichen Winkel betrachtet, ist die 1290er garnicht so hässlich. Klar, sie wird nie einen Schönheitspreis gewinnen, aber auch die Hauptgegnerin GS kauft sich sicher niemand, weil sie optisch ein Highlight ist.
Ich würde sagen Deutschland-Österreich 1:1.

Zum Motor:
Wir haben im Testfuhrpark eine 2016 Superduke SE.
Zugegeben, den etwas unrunden Lauf des V2 muss man mögen, aber ab ca. 3000 u/min macht der Motor richtig an.
Was die Techniker von KTM mit der Euro 4 Umstellung geschafft haben, ist einfach nicht zu glauben. Der überarbeitet V2 in der neuen Adventure S läuft ab Standgasdrehzahl seidenweich. Kein Gerüttel, kein Kettenpatschen. Man kann sogar ohne Gas, nur mittels Kupplungseinsatz anfahren. Diese Abstimmung ist schon sehr gut gelungen.
Was der V2 dann ab ca. 4000 Umdrehungen abliefert ist gigantisch. Sorry BMW LC Fahrer, die GS spielt hier zukünftig in der 2.Liga.
Sehr linearer Leistungseinsatz, gepaart mit einem durchaus akzeptablen Blipper (Sonderausstattung) und modernster Fahrelektronik, dass passt.
Deutschland - Österreich 1:2

Zum Fahrwerk:
Das elektronisch gesteuerte Fahrwerk funktioniert einwandfrei. Besonders beim herzhaften Angasen auf winkeligen Strecken, gefällt das Moped. Zielgenau und mit präziser Rückmeldung lässt sich der Koffer bewegen.
Im Gegensatz zur GS liefert die Front ein genaues Gefühl was geht und vermittelt somit sehr viel Vertrauen, es sportlich angehen zu lassen.
Auch das Langsamfahren ist einfach, das Moped ist sehr schön ausbalanciert.
Zugegeben, die Höhe des Mopeds wird einige Fahrer von der KTM abhalten, aber ab ca. 1.80 Körpergrösse passt alles und man kommt auch gut auf den Boden.
Deutschland - Österreich 1:3

Zum Drumherum:
GS bleibt GS. Die Jahrzehnte der Entwicklung sind einfach da. Die Bedienung erfolgt intuitiv, das Zubehör ist praxisorientiert, kein unnötiges Schicki-Micki, da bleibt die GS führend. Sei es die Bedienung der Griffheizung, das Verstellen des Windschildes oder die Befestigung der Packsysteme. Einzig beim Cockpit kann die KTM hier punkten, das neue Display ist wirklich sehr informativ, optisch schön anzuschauen und abzulesen.
Deutschland - Österreich 2:3

Jetzt genug der Information über die neue 1290er Adventure, letztlich sind wir Reifenprofis, über die neue Adventure S wird die Fachpresse berichten.
(MOTORRAD!!! In Ausgabe 5/2017 schreibt ihr ja über das Moped...aber einen Scorpion Rally 2, mit der die neue KTM ausgeliefert werden soll, gibt es nicht. Es ist der Scorpion Trail 2 in Kennung K..und Conti lieferte nicht den 10 Jahre alten Trail Attack in die OE bei KTM, sondern es war der Trail Attack 2).



Am nächsten Tag holte uns Herr Pennisi persönlich ab und brachte uns zum Testcenter.

Wie bereits erwähnt arbeiten dort über 30 Mitarbeiter an der Weiterentwicklung und Erprobung von Zweiradreifen und der Homologation (Freigaben) für aktuelle oder neue Motorradreifen.
Dafür stehen dort über 130 Motorräder und Roller zur Verfügung.
Zusätzlich verfügt man dort über zig-Koffersysteme und Zusatzgewichte, um alle erdenklichen Beladungs- und Fahrzustände zu simulieren.
Über diesen Besuch haben wir ein Video gedreht und werden es zeitnah online stellen.

Kleine Anekdote:
Salvatore Pennisi erklärte uns, dass man auch für den US-Markt diese aufwendigen Fahrversuche, besonders auf Cruisern und Choppern durchführt.
Das Verstauen von Zusatzgewichten, um Zuladungen zu simulieren, wäre eigentlich kein Problem.
Aber man habe festgestellt, dass die Gewichtsverteilung in den USA etwas anders wäre.
Er umschrieb den klassichen Cruiser-Fahrer in den Staaten charmant als körperlich etwas anders konfiguriert, als den klassischen Italiener.
In der Not, eben genau gleiche Bedingungen nachzustellen, besorgte man sich aus einem Taucherfachmarkt diverse Bleigürtel, die seine Testfahrer dann um den Bauch schnürten, um einen klassichen US-Cruiser-Fahrer zu simulieren.

Das fand die HR-Abteilung in Mailand dann aber, ob der Sturzgefahr, weniger witzig....selbstredend machte er mir gleich ein Jobangebot, diesen Testpart zukünftig in Sizilien einzunehmen.


Am letzten Tag durften wir einen Teil der Testcrew auf eine kleine Rennstrecke in der Nähe von Pergusa begleiten.
Die Pirelli Testcrew testete hier Prototypen, verständlicherweise dürfen wir dazu nichts sagen.
Wir durften jedoch auch einen Prototypen fahren, der kurz vor der Markteinführung steht, den Pirelli Scorpion Rally STR.

Zusammen mit Ducati hat Pirelli für die neue Scrambler Dessert Sled, diesen Reifen entwickelt. Der Scorpion Rally STR wird auf diesem Moped bereits in der Erstausrüstung verbaut und angeboten.
Da der Reifen sehr gut funktioniert, hat sich Pirelli entschlossen, die Vielfalt der Reifengrössen für diesen Reifen auszubauen, um dieses Profil auch für andere Enduromodelle anbieten zu können.

Das Besondere an diesen, ja man kann schon sagen Off-Road-Reifen ist, seine zulässige Höchstgeschwindigkeit und erstaunlich gute Strassenperformance.
Der Reifen wird jeweils im zulässigen Speedindex der Motorräder gebaut werden und verfügt über eine ungewöhnlich gute Strassenperformance.
Wir testeten diesen "Stollenreifen" einen genzen Tag auf der Rennstrecke, im Prinzip nicht unbedingt der bevorzugte Einsatzort für einen Off-Road-Reifen.
Pirelli wollte jedoch unsere Meinung zu diesem Produkt, beim sportlichen Strasseneinsatz, einholen und sicherlich auch beweisen, zu was man derzeit in der Lage ist.

Über diesen Testtag haben wir zwei Videos gedreht, (Produktvorstellung durch Herrn Salvatore Pennisi, und Test des Scorpion Rally STR durch uns). Beide Videos werden wir zeitnah online stellen.

Hier zur letzten Anekdote:
Ich konnte mir zwar vorstellen, dass der Chef eines Testcenters sehr gut Motorrad fährt und auch hin und wieder selber testet.
Aber, dass ein charmanter, stets auf Umgangsformen achtender, immer perfekt gekleideter Manager der Pirelli mich auf dieser Teststrecke, am Kurvenausgang einer Schikane, dann auf dem Hinterrad überholt, damit hatte ich nicht gerechnet.

OK wir hatten ungleiche Waffen, er eine S1R ich die Africa Twin, aber ganz ehrlich...Kurvenausgang in Schräglage das Moped aufs Hinterrad stellen und voll rauszubeschleunigen......dat schaff ich nicht mehr..und ich bin jünger als besagter Salvatore Pennisi.

Mille grazie Salvo, mille grazie Pirelli